Kristianopel: Türkisches an der schwedischen Ostseeküste?

Zugegeben: nur der flüchtige Leser nimmt diese Frage ernst, doch bleibt eine Frage tatsächlich bis heute unbeantwortet. Der Dänenkönig Christian IV.  gilt zwar als Gründer und Initiator jenes kleinen Ortes Kristianopel, welcher heute so um die 80 Einwohner zählt. Ihm haben die Städte Kristiansand und Kristianstad ihre heutige Existenz zu verdanken, warum der Herrscher jedoch ausgerechnet jene türkisch anmutetende Silbe „opel“ dieser Stadtgründung seinem Namen nachstellen musste, bleibt bis dato ein Rätsel.

Bekanntlich ist es kaum möglich, sich in die Gedankengänge von Herrschern retrospektiv hineinzuversetzen. Doch Christian IV. von Dänemark, 1588 auf den Thron gekommen, wird oft verkannt in seinem frühen Streben, einen absolutistischen Staat im Norden zu etablieren; im Übrigen rund ein halbes Jahrhundert, bevor die Hohenzollern erste zaghafte Schritte in diese Richtung unternahmen. Seine Außenpolitik war ganz klar und von Anfang an gegen den Erzfeind – Schweden – ausgerichtet.

Nur eine halbe Autostunde nah liegt die schwedische Stadt Kalmar mit dem imposanten Schloss – keine Zweifel, der Befehl Christian IV., im Jahre 1599 Kristianopel als Festungsstadt im dänisch-schwedischen Grenzgebiet anlegen zu lassen, geht auf die Idee und das Vorhaben zurück, nicht nur ein Pendant zur Schwedenfestung am Sund zu errichten, sondern ist als deutliche Kampfansage an Schweden unter dem damaligen schwachen König Karl IX. zu sehen.

Wer heute Kristianopel besucht und dort spazieren geht, sollte die Stufen zu den breiten Wallmauern hinauf nehmen, nicht nur um den herrlichen Blick über die Ostsee bis zur Insel Öland zu genießen, sondern auch um einen Eindruck von dieser für damalige Zeit gewaltigen Fortifikation zu bekommen. Sie ist errichtet nach italienischem Vorbild und wird oft als erste Renaissance-Stadt des Nordens bezeichnet. Ursprünglich bis zu neun Meter über dem Wasserspiegel der Ostsee hoch und etwa drei Kilometer lang, zeugt die Anlage vom Machtanspruch der Dänen. Dies war den Schweden natürlich ein Dorn im Auge und kein Geringerer als der junge Gustav II. Adolf erprobte seine militärischen Kräfte gegen die 1606 fertig gestellte Festung. Im Februar 1612 rannten seine Truppen mitten im sogenannten Kalmar-Krieg, den Christian IV. irrsinnigerweise 1611 begonnen hatte, ein erstes Mal nieder. Aus der Zeit des anschließenden Wiederaufbaus stammt die Dreifaltigkeits-Kirche, deren Fassade zur Zeit einer Renovierung unterzogen wird.

In den Folgejahren wurde die Stadt mehrfach Opfer der Rivalität zwischen Dänemark und Schweden. In der Mitte der siebziger Jahre des siebzehnten Jahrhunderts gab es einen schwedischen Befehl, dass kein Haus stehen bleiben möge – dies ein Zeichen, wie sehr die kleine dänische Stadt am Image der aufstrebenen Großmacht kratzte. Heute ist Kristianopel, erbaut ziemlich genau 106 Jahre nachdem Konstantinopel zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches ausgerufen wurde, ein herrlich beschauliches und romantisches Ausflugsziel. Quasi zu jeder Jahreszeit lädt das Flair zum Bummeln über die Mauer oder durch die kleinen von niedlichen Holzhäusern gesäumten Gassen ein. Man wird hier etwas Dänisches und da etwas eher typisch Schwedisches entdecken  – es sind Zeugen einer Rivalität ähnlich ambitionierter Herrschaftsansprüche.

 

 

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